Aus: sh:z-Tageszeitungen

Die Rückkehr der Seeadler

04.09.2014 | 14:38 |

Sven Windmann

Drei der majestätischen Greifvögel wurden mehrfach auf der Möweninsel gesichtet / Experte bestätigt erste Ansiedelung seit über 100 Jahren

Dieser Schnappschuss gelang Tanja Kracht vergangene Woche bei einer Bootsfahrt über die Schlei. Dieser Seeadler war einer von dreien, die auf der Möweninsel gelandet waren.

Schleswig. Irgendetwas war anders als sonst, als Tanja Kracht am vergangenen Donnerstag neben Holmfischer Jörg Nadler auf dessen Boot saß und die Schlei Richtung Wikingturm hinauffuhr. „Dabei fiel mir irgendwann auf, dass es totenstill war. Wir wurden weder von Möwen verfolgt, noch saßen welche auf der Möweninsel. Ganz ungewöhnlich.“ Sie habe sich daraufhin umgeschaut und schließlich entdeckt, was der Grund war für diese „eigenartige Stimmung“, wie sie sagt: Drei Seeadler hatten sich auf der Insel niedergelassen und sämtliche Möwen, Kormorane oder Gänse, die dort sonst für reichlich Betrieb und lautes Geschrei sorgen, verjagt – und damit den Beweis geliefert für eine kleine biologische Sensation. Denn die majestätischen Greifvögel sind, so scheint es, nach über 100 Jahren zurück in Schleswig.

„Ich wohne schon eine gefühlte Ewigkeit auf dem Holm. Aber das hatte ich noch nie gesehen“, sagt Tanja Kracht, die sofort ihren Fotoapparat hervorkramte und drauflos knipste. „Zum Glück hatte ich den dabei. Es war wirklich ein tolles Naturerlebnis, diese riesigen Vögel so nah zu erleben“, schwärmt sie auch Tage später noch.

Auch Schleswigs sogenannter „Möwenkönig“ Gerd Ross, der von seinem Haus auf dem Holm die Insel im Auftrag des Naturschutz-Vereins Jordsand stets im Blick hat, ist begeistert. „Sehr lange habe ich hier keine Adler mehr gesehen. Erst in den vergangenen Jahren hin und wieder mal einen, und seit Kurzem ist es sogar öfter der Fall. Offenbar haben sie ihren Horst hier“, sagt er. Erst gestern habe er wieder zwei Adler auf der Möweninsel entdeckt. „Die holen sich da ihre Mahlzeiten, etwa junge Möwen oder Wasserhühner“, glaubt Ross, der von den beeindruckenden Erscheinungen der Vögel regelrecht begeistert ist: „Das sind ganz schöne Brummer. Während der eine gestern Morgen in Ruhe fraß, stand der andere daneben wie ein König. Toll!“

Dass sich die Seeadler künftig öfter auf der Möweninsel zeigen könnten, wäre für Thomas Grünkorn keine Überraschung. Der Schleswiger Biologe, der unter anderem für die Projektgruppe Seeadlerschutz (siehe Infokasten) arbeitet, bestätigte gestern auf SN-Nachfrage, dass sich in Schleswig erstmals seit rund 100 Jahren wieder ein Seeadler-Paar angesiedelt habe, wenn auch „leider ohne Bruterfolg“. Wo genau sich deren Horst befindet, will er nicht verraten – damit die scheuen Vögel von neugierigen Passanten nicht gleich wieder verscheucht werden. „Wir freuen uns sehr, dass sie nun endlich auch wieder im Bereich der Binnenschlei ansässig geworden sind. Das ist neu“, sagt Grünkorn, der von drei weiteren Brutpaaren im östlichen Bereich der Schlei spricht.

Woher der dritte Adler stammt, den Tanja Kracht und Jörg Nadler auf der Möweninsel entdeckt haben, weiß der Experte nicht. „Fest steht nur, dass die Insel für diese Beutegreifer sehr interessant ist. Die vielen jungen Möwen, die es dort gibt, sind für sie eine leichte Beute.“ Darum könnte er sich auch vorstellen, dass die Raubvögel weiter in Schleswig bleiben und hier dann in den kommenden Jahren auch für den ersten Seeadler-Nachwuchs seit über 100 Jahren sorgen.

INFO

 

DER SEEADLER: Seeadler (Foto) gehören mit einer Körperlänge von bis zu 90 Zentimetern und einer Flügelspannweite bis 245 Zentimeter zu den größten Greifvögeln Mitteleuropas. Sie bewohnen gewässerreiche Landschaften in Europa und Asien von Grönland bis zum Pazifik. Sie ernähren sich überwiegend von Fischen, Wasservögeln und Aas. Die Art wurde in Mittel- und Westeuropa durch menschliche Verfolgung und die Vergiftung durch das Insektizid DDT fast ausgerottet. Seit Mitte der 1980er Jahre nimmt der Bestand jedoch wieder zu. In Schleswig-Holstein bemüht sich die Projektgruppe Seeadlerschutz (ein Zusammenschluss von Naturschutzverbänden, der Landesjägerschaft, dem Waldbesitzerverband, dem Umweltministerium und den Landesforsten) um ein Wiederansiedeln der Seeadler. Mit Erfolg: Landesweit wurden aktuell 82 Brutpaare gezählt, die meisten in den Kreisen Plön, Ostholstein und Lauenburg.


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