Aus: sh:z-Tageszeitungen

Wie vorgestern gespielt wurde

04.12.2014 | 13:24 |

Carlo Jolly

Ausstellung „Verspielt“ im Sauermann-Haus zeigt alles, was das Kinderherz um die Jahrhundertwende oder in der Nachkriegszeit begehrte

Die hölzerne Puppe auf dem Stuhl gehört zu den ältesten Püppchen der Ausstellung.

Foto: Michael Staudt

Flensburg. Ein kleines unscheinbares Holzboot ist der Stolz von Gunda Grothe. Der Kuratorin gefällt nicht nur, dass der aus einem Stück selbstgeschnitzte Bootsrumpf das vielleicht älteste Spielzeug der Ausstellung ist. Das bei Ausgrabungen an der Hafenspitze aufgetauchte Schiffchen lädt so herrlich zum Geschichtenerzählen ein – nicht nur weil es vor mehr als 100 Jahren vom Flensburger Maler Erwin Nöbbe gefunden wurde. Was ist mit dem Holzboot passiert? Wo wurde es zu Wasser gelassen? Oder hat es ein Kind einfach im Schlamm des Hafens vergessen?

Weit mehr als 100 Spielsachen, überwiegend aus der zweiten Hälfte des 19. und ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, hat Gunda Grothe gemeinsam mit Volontärin Helene Weidner und FSJ-lerin Charlotte Merker aus Museumsbergbeständen ausgesucht – wobei etliche Ausstellungsstücke nach den Sanierungsarbeiten am Christiansen-Haus aus Kisten gefördert werden mussten. Bis 25. Januar sind sie nun in der gestern eröffneten Ausstellung „Verspielt – Kinderspielzeug aus Flensburg“ im Heinrich-Sauermann-Haus zu sehen.

Auch historische Kinderbücher werden gezeigt. Wie stark sie gebraucht sind, zeigt vor allem, wie gut sie ankamen – oder weitergegeben wurden. Einige Bücher kommen zum Beispiel aus Wester-Ohrstedt, wo eine kinderreiche Familie die Bücher von Verwandten aus Hamburg übernahm. „Alle vier Kinder haben zu Weihnachten zusammen ein Domino-Spiel bekommen“, weiß die Kuratorin. Sie hat die Ausstellungsstücke nicht nur aus den Beständen des Museumsbergs ausgesucht, sondern auch die immer zahlreicher von Freunden, Bekannten und Bürgern der Region vorbeigebrachten Exponate gesichtet. Dazu hat sie sich immer auch die dazugehörenden Geschichten erzählen lassen. Ein mit Buntstiften bemaltes Lottospiel etwa war nach dem Krieg von fünf Flüchtlingskindern an der Mürwiker Straße gespielt worden.

Das Lieblingsspielzeug von Museumsdirektor Michael Fuhr ist ein Spielzeugkarrussel aus Holz. Ein Flensburger Vater hat es im Kriegswinter 1945 für seine Kinder selbst gebaut.

„Menschen hören nicht auf zu spielen, weil sie alt werden, sondern sie werden alt, weil sie aufhören zu spielen“, zitierte Museumsdirektor Fuhr ein Bonmot von Oliver Wendell Holmes. Und Kuratorin Gunda Grothe räumte bei der Einführung ein, dass die Ausstellung trotz des ganzen Spielzeugs doch eher etwas für Erwachsene sei als für Kinder. Ob historische Puppenhäuser, eine imponierende Eisenbahn aus der Zeit um 1930, Blechspielzeug vom Pferdewagen bis zum Unterseeboot oder ein Jahrhundertwende-Kaufmannsladen, in dem Kaffee, Hirse, Erbsen oder Rosinen lose verkauft wurden: auf den dazugehörigen Papiertütchen steht Leckermäulchen. Ja, wer Zeit für ein wenig Detailstudium mitbringt, kann in der Ausstellung so allerhand entdecken. Ein dunkelhäutiges Püppchen wurde einst in der Familie Kate Lassens bespielt – und ein selbstgebautes Jahrhundertwende-Schaukelpferd hat einen Schweif aus echtem Rosshaar.

Doch, keine Angst, liebe Kinder: Wer lieber spielt als nur zu gucken, für den gibt es einen ganzen Tisch mit Brettspielen – und ein Puppenhaus mit einer vollen Kiste Mobiliar.


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