Aus: Flensborg Avis

Obdachlos zur Weihnachtszeit

27.11.2014 | 09:57 |

Tilla Rebsdorf

Obdachlos mit eigenem Zelt: Pierre Quint hat sich auf dem Rasen vor der St.-Nikolai-Kirche am Flensburger Südermarkt häuslich niedergelassen. Niemand vertreibt ihn von dort.

Der obdachlose Pierre Quint schläft in einem Zelt vor der Sankt Nikolai-Kirche und hofft inständig, von weiterem Rowdytum verschont zu bleiben. Foto: Lars Salomonsen

Flensburg – Dennoch hat es offenbar einige Mitmenschen gegeben, die sich daran störten, dass sich Pierre Quint auf dem Rasen vor Sankt Nikolai niedergelassen hatte. Nur wenige Tage, nachdem Flensborg Avis über den obdachlosen Mann berichtete, der sein grünes Zelt an der Kirche aufgestellt hatte, zündeten bislang unbekannte Täter Quints Zelt an – und dessen weniges Hab und Gut ging in Flammen auf.

„Hier hat mein Zelt gestanden. An jenem Abend habe ich alles, was ich besaß, verloren“, sagte Pierre Quint, auf einen schwarzen Rußfleck an der Kirchenmauer verweisend. Glücklicherweise war er zur Tatzeit nicht im Zelt – es hätte ihn das Leben kosten können. Die Polizei ermittelt zwar, ist aber bislang ohne heiße Spur von den Tätern.

Ist die Not am größten, ist Gott am nächsten, heißt es so schön. Wenige Tage nach dem Vorfall schenkte ihm ein Flensburger ein zwar gebrauchtes, aber immer noch gutes, voll funktionstüchtiges Zelt. Einen Schlafsack, eine Isomatte und Kleidung steuerte das Diakonische Hilfswerk bei. Jetzt hofft Pierre Quint nur noch, in Ruhe gelassen zu werden.

„Mir gefällt es hier“, sagt der 53-jährige Verkäufer der Obdachlosen-Zeitschrift „Hempels“ und zeigt uns sein kleines, spartanisch eingerichtetes Domizil.

„Aufgeräumt habe ich aber nicht“, entschuldigt er sich und streicht sich verlegen über den Bart.

Wäre ist nicht so kalt draußen, könnte es fast gemütlich sein, hier mitten in der Stadt zu wohnen. Von der Treppe zum Südermarkt rufen ihm Freunde, ebenfalls Kumpels von der Straße, die sich täglich dort aufhalten, etwas zu. Quint wärmt sich indes an Höherprozentigem, hofft auf einen milden Winter und freut sich auf die Weihnachtszeit.

 

Gute und weniger gute Tage

 

„Weihnachten ist eine schöne Zeit – auch für Leute wie uns. Die Flensburger sind zu Weihnachten spendabler“, stellt Pierre Quint fest.

Obdachlos sei er mehr oder weniger von allein geworden: Es sei einfach geschehen – peu a peu. Mitleid brauche er nicht – Münzen wohl. Es gebe wirklich gute Tage, an denen ihm eine freundliche Seele auch schon mal einen Zwanziger zustecke. Doch gebe es auch Tage, an denen er mit den 20 Cent in der Tasche nicht weit komme.

„Es geht so auf und ab; ich versuche stets, meinen kleinen Haushaltsrahmen nicht zu sprengen, keine Schulden zu machen“, so Pierre Quint, der inzwischen aus Erfahrung weiß, dass sich das Hempels-Blatt abends besser absetzen lässt.

„Sollte man gar nicht glauben, denn tagsüber sind ja wesentlich mehr Leute auf der Straße. Doch so ist es“, betont der Obdachlose. Manchmal träumt er von den eigenen vier Wänden – von einem neuen Hund. Vor allem aber hofft er, an der Kirche wohnen bleiben zu können.


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