Aus: sh:z-Tageszeitungen

Geburtshilfe für die Meerforelle

28.11.2013 | 14:15 |

Hans-Joachim Köhler

98 Tiere wurden in der Lippingau gefangen, um in einer Fischbrutanstalt für Nachwuchs zu sorgen

Niesgrau.  Die Meerforelle gilt zwar als ein beliebter Speisefisch, doch bleibt dieser silbern glänzende Ostsee-Fisch gegenwärtig vor Netzen und Angelhaken geschützt. Das hat zwei Gründe: Zum einen besteht während der Laichzeit bis Ende Dezember ein absolutes Fangverbot, zum anderen bedarf diese, in ihrem Bestand gefährdete Forellenart der menschlichen Hilfe. Der Wissenschaftler Dr. Christoph Petereit vom Kieler Helmholtz-Zentrum für Meeresforschung Geomar gehört zu den Experten, die sich derzeit mit der Evolutionsökologie mariner Fische befassen und in einem Forschungsprojekt der genetischen Herkunft der Meerforelle nachspüren. „Wir wollen Unterschiede und Gemeinsamkeiten des Vorkommens einzelner Schwärme herausfinden“, sagt Petereit – als Beobachter am Ufer der Lippingau.

Dort, wo sich diese Fischart ihre Kinderstube einrichtet, ist die „Wasserwelt“ – noch oder endlich wieder – in Ordnung. Verrohrte Abschnitte als Hindernisse gibt es hier nicht. Selbst bis nach Sterup und Esgrus kommen die Zuwanderer zum Laichen. Sie gelten als Indikatoren für einen sauberen Lebensraum. Was die Schutzgebiete betrifft, besteht hierzulande aber nur am deutsch-dänischen Grenzfluss Krusau ein uneingeschränktes ganzjähriges Fangverbot für die Meerforelle.

Dass trotzdem der Flensburger Fischexperte Hans-Joachim Klindt am vergangenen Donnerstag samt Helfer mit einem kleinen Boot in gemächlichem Tempo die Lippingau zwischen der Mündung bei Ohrfeldhaff und dem Dorf Stobdrup auf vier Kilometern durchfuhr und den Meerforellen nachstellte, war kein Verstoß gegen die Schonzeit. Genau 98 Exemplare gingen bei dieser Aktion in die für sie nützliche „Haft“.

Jacob Möllgaard aus Westerholm, Vorsteher des Wasser- und Bodenverbandes Lippingau, hatte sich diesen Einsatz herbeigewünscht. Um die Tiere einfach und stressfrei aus der Au zu fischen, wurde mithilfe eines Schwachstrom-Aggregats ein jeweils kleiner Wasserbereich unter eine harmlose elektrische Spannung gesetzt. Vom Boot aus konnte Klindt die etwas träge gewordenen Forellen mit einem Kescher herausholen und vorübergehend in einen an Bord befindlichen Wasserbehälter bugsieren. Am Ufer standen die erforderliche Transport-Kisten bereit.

Ziel des Fangs war die Fischbrutanstalt Alt-Mühlendorf in Warder. Dessen Leiter, Fischwirtschaftsmeister Albrecht Hahn, erläuterte, dass in seiner Anlage bis zu 1,5 Millionen Eier (Rogen) der in Nord- und Ostsee lebenden Fische bis zum Frühjahr ausgebrütet und aufgezogen werden. Der Rogen wird den weiblichen Tieren abgemolken und mit dem Fischsperma vermengt. „Später setzen wir die etwa 2,5 Zentimeter langen Jungfische mit ihren Dottersäcken in die Bäche und Flüsse ein, aus denen die Elterntiere im Herbst gefangen wurden.“ Auch die Altfische werden in ihrer natürlichen Heimat freigelassen.

Das Zuchtverfahren funktioniert, weil die bis zu einen Meter langen Meerforellen im Gegensatz zum Beispiel zum Lachs mehrmals im Leben laichen.

Diejenigen Meerforellen (etwa 90 Prozent des Bestandes), die sich auf natürliche Weise in der Lippingau vermehren, suchen sich in Flachwasserbereichen weiche Kiesböden aus, wo die weiblichen Tiere in kleinen selbst geschaffenen Vertiefungen den Rogen ablegen. Jacob Möllgaard kommentiert dieses Verhalten scherzend mit den Worten: „Das ist wie bei manchen Menschen – die Frauen tun die ganze Arbeit, und die Männer schauen nur zu.“ In Zukunft, so hoffen die Experten, werde sich der Forellenbestand in Gewässern wie der Lippingau so gut erholen, dass die künstliche Geburtshilfe nicht mehr erforderlich ist.


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