Aus: Der Nordschleswiger

Drei Generationen haben neue Heimat gefunden

28.11.2013 | 14:03 |

Ruth Nielsen

Familie Brachwitz und Schwiegereltern sind von Stuttgart ins Dorf Stolbro gezogen und fühlten sich sofort heimisch.

Drei Generationen zusammen unter einem Dach: Michael und Andrea Brachwitz, ihre Eltern Lotte und Paul Doll und Tochter Bethany.

Andrea näht ihre Kleider selbst aus Secondhandbeständen. Fotos: Ruth Nielsen

Stolbro . Die Stuttgarterin  Andrea Brachwitz hat nur gute Erinnerungen an ihre Ferienaufenthalte auf der Insel Röm, die sie mit ihren Eltern Lotte und Paul Doll jahrelang gemacht hat. Das Inselleben erlaubte ihnen durchzuatmen und die pulsierende, lärmende Großstadt   zurückzulassen.

Mit dieser Liebe zu Dänemark hat  sie auch ihren Mann Michael angesteckt. Beide mögen   die Mentalität der Dänen und natürlich die Landschaft.

Ihre Liebe zum Königreich  reifte heran und fand 2009 ein Ventil: Das Paar kaufte ein etwas vernachlässigtes Ferienhaus in Skovmose, vielmehr   Andrea, denn nur   ihr war erlaubt worden, ein Haus zu kaufen als deutsche Staatsbürgerin. Andrea hatte sich nämlich an die Königin gewandt.  Der Sekretär hat  ihre Bitte  an das Justizministerium weitergeleitet. Und richtig, es gab einige Paragrafen, die es Ausländern ohne Wohnsitz im Königreich erlaubten, ein Haus zu erwerben. So ging ihr Wunsch in Erfüllung.

Der nächste Schritt sollte die „Rundumlösung“, so Andrea,  bringen: Ihre Tochter Bethany, eine schlechte Esserin, blühte regelrecht auf bei den Ferienaufenthalten, sobald sie zurück in Stuttgart war, klappte sie wie eine Muschel zusammen.

Die Lösung: Die Haushalte der Brachwitzes und der Dolls wurden aufgelöst und das, was mit sollte, an die Stolbro Gade 18 transportiert, ihr neues Domizil.  Über Kontakte mit Bewohnern in Skovby wurden die Brachwitzes auf deutsche Schulen und den BDN aufmerksam gemacht. Eine Bedingung  für den Hauskauf – es sollte in annehmbaren Abstand zu einer deutschen Schule liegen. Die gibt es in Lunden.    „Bethany kriegt so viel   Unterstützung und Hilfe. Das ist schon überwältigend“, erklärt  Andrea. Bethany  bestätigt: Es gefalle ihr an der Schule, Freunde im Dorf hätte sie auch schon gefunden.

Die Einrichtung des Hauses verrät: Dort wohnt eine sehr kreative und tierfreundliche Familie. Unterm Dach leben nicht nur drei Generationen, sondern auch zwei Hunde und zwei Vögel.

Ein Blickfang im Haus ist ein ausgehöhlter Klangbaum: Es  ist ein 150 Jahre alte Birnbaum, in dessen  Inneren Saiten gespannt sind,  sodass er  als Harfe genutzt werden kann. Weitere Instrumente   sind platziert, die  anzeigen: Andrea ist wie ihre Mutter Musiktherapeutin, Geigerin, während ihre Mutter Klavierunterricht gibt. Sie ist sogar mit dem Bundesverdienstkreuz  ausgezeichnet worden, weil sie musiktherapeutisch mit Behinderten gearbeitet hat. 

Ehemann Michael genießt in seinem 59. Lebensjahr seine Altersteilzeit. Beruflich hatte er tagtäglich  bis zu 14, 16 Stunden in leitender Stellung gearbeitet. Nun macht er den Haushalt, kann  morgens  Bethany schulfertig  machen, mit  den Hunden  Gassi  gehen „und sehen  wie die Sonne aufgeht, einfach fantastisch.   Und dann kann ich entscheiden,  ob ich mich noch  mal hinlegen will“, erzählt er lachend. 

Auch Lotte Doll stimmt ihm zu: „Es ist schön hier, es geht uns gut.“ Die 91-Jährige  gibt schon wieder Klavierunterricht.  Und ihr Mann Paul meint trocken zur Aussage „Alte Bäume sollte man nicht verpflanzen“:  „Wir sind Oldtimer, die nur den Parkplatz  gewechselt haben.“

Die Brachwitzes/Dolls sind begeistert von den Dorfbewohnern. Sie schätzen ihre Hilfsbereitschaft und Unterstützung. So wird bei längerer Abwesenheit schon mal der Rasen gemäht, es werden frische Eier vorbeigebracht und  auch   im Haus übernachtet, um die Dolls und Bethany zu betreuen, während die Brachwitzes sich um die Wohnungsauflösungen in Stuttgart kümmern müssen.    „Ich bin   überwältigt“, sagt Andrea. 

Sprachlich geht es auch ganz gut, die meisten  im Dorf sprächen Deutsch: „Wir hatten einen Crash-Kurs in Dänisch, es kommen weitere.  Meine Eltern  sind vom Schwäbischen aufs Hochdeutsche umgestiegen“, sagt Tochter Andrea lachend.     

„Stolbro tut der Seele gut. Es ist ruhig hier, Trubel hatten  wir genug“, so Andrea.

Alles Friede, Freude, Eierkuchen?. „Die Decke fällt uns nicht auf den Kopf.   Dazu haben wir zu viele Kontakte und sind sehr kreativ.“ So näht Andrea ihre Konzertkleider selbst, aus Secondhandbestand, und sie entwirft eigenen Schmuck, Michael kann seine handwerklichen Fähigkeiten   ausleben.

Und er  hat weitere Pläne.  „Ich kann mir schon ein Segelbötchen vorstellen. Ich war dem Wasser immer verbunden“, erzählt er von Segeltörns mit Freunden, die er vom Hafen in Kiel aus in alsische  Gewässer unternommen hatte.

Nein, die drei Generationen strahlen innere Ruhe und Gelassenheit aus, die Andreas Aussage zementieren:    „Wir fühlen uns sehr heimisch.“ 

Der einzige klitzekleine Wermutstropfen: Wenn alle sich eingerichtet haben,   möchte Andrea berufstätig   als Geigerin, Musiktherapeutin oder im kunsthandwerklichen Bereich arbeiten.


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