Aus: sh:z-Tageszeitungen

Dänemark mit deutschen Augen betrachtet

21.11.2013 | 11:18 |

Jens Nygaard

Lebensqualität: Dass Dänen in Verbindung mit internationalen Untersuchungen immer wieder als „glücklichstes Volk der Welt“ genannt werden, habe in hohem Maße mit sozialer Sicherheit zu tun, sagt der deutsche Journalist Hannes Gamillscheg, der sich seit Jahrzehnten mit Dänemark beschäftigt.

Hannes Gamillscheg befasst sich seit 30 Jahren mit Dänemark und hat beobachtet, dass sich das Land in den vergangenen drei Jahrzehnten sehr verändert hat. Fotograf: Frankfurter Rundschau

Kopenhagen – In den regelmäßig erscheinenden Untersuchungen, die zu ermitteln versuchen, welches Volk nun das glücklichste der Welt ist, belegt Dänemark stets den ersten oder zumindest einen der vorderen Plätze. Auf diesen Umstand bezieht sich der Artikel des deutschen Journalisten Hannes Gamillscheg, der sich seit 30 Jahren intensiv mit Skandinavien im Allgemeinen und Dänemark im Besonderen befasst. Er versucht herauszufinden, warum Dänemark „Das Land der Glücklichen“ ist – so lautet auch die Überschrift seines Artikels.

 

Vor nunmehr 30 Jahren zog Gamillscheg nach Dänemark, und damals deutete nicht vieles darauf hin, dass die Entwicklung dieses Landes eine glückliche Wende nehmen würde: Das Wohlfahrtssystem war nicht länger finanzierbar – und man kam damals dem gefürchteten Abgrund Schritt für Schritt näher.

Seither ist es gelungen, den Sozialstaat zu reformieren, und Gamillscheg hat dabei ein merkwürdiges Phänomen beobachten können: Obwohl Dänemark den größten öffentlichen Sektor hat, ist es wettbewerbsfähig. Das Land hat die höchsten Steuersätze und ist dennoch imstande, sich ständig zu erneuern. In der klassischen Gesellschaftsforschung gilt dies normalerweise als unmöglich.

Der große öffentliche Sektor ist kein Hindernis, sondern – ganz im Gegenteil – eine Voraussetzung  für eine florierende Wirtschaft. Das System sichert die Kindertagesbetreuung, die Altersvorsorge und somit ein lebenswertes Leben im Alter  – und damit im Allgemeinen einen Alltag ohne große Probleme. Dies wiederum bedeute, dass sich die Menschen voll und ganz auf ihre Arbeit konzentrieren können – mit all ihrer Kreativität, argumentiert Hannes Gamillscheg. Das ist auch der Grund dafür, dass der Lego-Konzern und andere Unternehmen ungeachtet des hohen Lohnniveaus hierzulande Produkte lancieren können, die Absatz finden und somit zum Wohlstand des Landes beitragen.

Am Beispiel einer alleinerziehenden Mutter in Dänemark mit dem passenden Namen Lykke, die zwei Kinder großzieht, beschreibt der Journalist die Situation: „In welchen anderen Ländern kann eine alleinerziehende Mutter in ihrem Beruf Karriere machen –und zugleich ihre Kinder in den besten Händen wissen?“, fragt er.

Der Dänemark-Fachmann führt zudem an, dass Lykke, die Webdesignerin ist, ihre Ausbildung mit staatlicher Unterstützung erhalten hat – unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern, wohlgemerkt.

Als die Kinder geboren wurden, ging sie in den Mutterschaftsurlaub, der fast ein Jahr währte, und im Anschluss daran konnte sie in ihren Beruf zurückkehren. Lykke kann sich zudem in der sicheren Gewissheit wiegen, im Alter finanziell gut abgesichert zu sein.

„Sollte sie arbeitslos werden, wird sie von einem Sicherheitsnetz aufgefangen, das niemanden in das soziale Abseits abgleiten lässt. Das wiederum bedeutet, dass sie ohne Existenzangst beruflich neue Wege beschreiten kann“, sagt Hannes Gamillscheg.

 

Er verweist darauf, dass sich in den vergangenen 30 Jahres in Dänemark einiges verändert hat. Damals wohnte er noch in einer Straße – mit dem Postboten als Nachbarn; am anderen Ende derselben Straße wohnte der Schiffsreeder – und letzterer fuhr auch ein größeres Auto. Doch beide gingen abends gemeinsam zum Badminton, und sie halfen einander, wenn zum Straßenfest die Tische aufgestellt werden mussten.

Nach vielen Jahren mit einer bürgerlichen Regierung, mit steigenden Immobilienpreisen wohnt der Reeder nun in einem Viertel, in das der Postbote nur mit der Post kommt – und Probleme hat, die Hypotheken, die auf seinem eigenen Haus lasten, abzuzahlen.

Die Offenheit der Dänen gegenüber Menschen aus anderen Ländern hat sich ebenfalls geändert, nachdem viele Einwanderer in das Land gekommen sind.

„Heute wird klar unterschieden zwischen Dänen und jenen, die aus anderen Ländern nach Dänemark kommen“, stellt Gamillscheg fest.

Ihm zufolge gibt es jedoch auch Erfreuliches zu berichten – unter anderem, dass die Dänen viel für die Umwelt tun, für erneuerbare Energien und die Natur.

„Und es ist keine ausgeprägt hierarchische Gesellschaft; das Verhältnis zwischen Männern und Frauen kann man als gut bezeichnen, der Umgangston ist ungezwungen – und es gibt keine dezidierte Kleiderordnung“, stellt der deutsche Journalist fest.

Er fragt seine Lykke, welche Antwort sie in der Happiness-Untersuchung, im World Happiness Report, geben würde: „Ist sie glücklich?“ – „Ja!“, so lautet die klare Antwort


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