Aus: sh:z-Tageszeitungen

Rock’ n’ Roll aus der Dachkammer

21.11.2013 | 11:13 |

Anna Kahlen

Gerd Muesfeldt aus Silberstedt liebt die Musik der 50er Jahre und produziert bald seine 200. Radiosendung für die Offenen Kanäle

Wenn Gerd Muesfeldt sich in seine Dachkammer zurückzieht, kann dabei nur eines herausgekommen: eine Rock’n’Roll-Sendung. Foto: A. Kahlen

Silberstedt. Mehr als 50 000 sind es schon, und dass noch mehr dazukommen, ist sehr wahrscheinlich. Im ganzen Haus, ob im Wohnzimmer, im Flur der ersten Etage oder in der Dachkammer, findet man Aufnahmen, auf Schallplatten oder CDs, vor allem aus den Jahren 1954 bis 1956. Rock’n’Roll vom Feinsten, Stücke, die manch einer nur zu gern sein Eigen nennen würde. Gerd Muesfeldt besitzt all diese Schätze, gesammelt hat er sie, seit er 15 ist. Damit auch Musik-Fans, die nicht über eine solch beachtliche Sammlung verfügen, in den Genuss der fetzigen Stücke kommen, moderiert der frühere leitende Verwaltungsbeamte des ehemaligen Amtes Silberstedt seit fast fünf Jahren eine eigene Radio-Sendung, die drei Mal pro Woche auf den Radiosendern der Offenen Kanäle (OK) Lübeck, Westküste und Kiel läuft: „Teen Beat – Damals“, Premiere war am 10. Februar 2009.

Dass der 68-Jährige sich gerade für diesen Namen entschied, geht ganz an die Anfänge seiner Rock’n’Roll-Leidenschaft zurück. 1957, als er gerade einmal 13 war, in der Schule erst kurze Zeit Englisch lernte und nur den biederen Staatsrundfunk kannte, stieß er eines Tages auf den amerikanischen Soldatensender AFN (American Forces Network), eine Sendung dort hieß: „Teen Beat“. Vom ersten Moment an war Muesfeldt hin und weg. „Die Präsentation war richtig locker vom Hocker, einfach ganz anders, als man es kannte“, erinnert er sich. Er schickte per Post Musikwünsche an den Sender nach Bremerhaven, zum Beispiel „Love will make you fail in school“ von Mickey & Sylvia, wurde Riesen-Fan des Rock’n’Roll. Er fing an, Schallplatten zu sammeln. „Selbst mein Jahrmarktsgeld habe ich gespart und in Platten umgesetzt“, berichtet er. Ob Elvis oder Fats Domino – seine Begeisterung für die Musik ist bis heute noch größer geworden.

Muesfeldt war früher Gitarrist in einer Band, spielt seit Jahrzehnten Badminton, fühlt sich „fit wie ein Turnschuh“. Als er 2008 in den Ruhestand ging, nachdem er 16 Jahre in der Amtsverwaltung war, habe er sich vorgenommen, keine Verantwortung in Vereinen oder Verbänden zu übernehmen, „nix mehr, keine Sitzungen“. Aber er habe immer mal wieder erwähnt: „Ich werde vielleicht Musik im Radio machen!“ Das sei meist belächelt worden – aber inzwischen kann jeder Muesfeldts „Teen Beat“ über UKW oder das Internet verfolgen.

„Ich habe Hörer in halb Europa, einer meiner größten Fans kommt aus Wien“, sagt der Silberstedter nicht ohne Stolz. Er nahm seinerzeit einfach Kontakt mit dem OK Westküste auf, die fanden seine Idee für eine Rock’n’Roll-Sendung gut, hätten gesagt: „Das kannst du auch von Zuhause aus machen.“ Und das sieht dann so aus: Er sitzt in der Dachkammer vor seinem Laptop, spricht in ein professionelles Mikro, eine externe Soundkarte ist an den Rechner angeschlossen, auf dem gute Aufnahme-Software installiert ist. „Am Mikrofon begrüßt Sie Ihr alter Rock’n’Roller Gerd Muesfeldt. Ich habe wieder einige interessante Musikstücke der 50er und frühen 60er für Sie herausgesucht“ – so oder so ähnlich begrüßt er die Hörer, manchmal nennt er sich „Rock’n’Roll-Daddy“. Rund eine Stunde lang sind die Sendungen, die er in Silberstedt aufzeichnet und auf den Server von Westküste FM, den Radiosender des OK Westküste, hochlädt. Weil die Sendung so gut ankam, hört man sie heute auch über die Radiosender des OK Lübeck und Kiel (Kiel FM).

 

Pro Sendung präsentiert Muesfeldt rund 20 Aufnahmen seines großen Musik-Schatzes. „Was ich spiele, wird man nirgendwo anders im Radio hören, weil kaum jemand es hat“, sagt er und ergänzt: „Mir ist wichtig, dass ich in die Stücke nicht reingrätsche, wie es heute bei den meisten Sendern der Fall ist. Das lieben meine Hörer, denn sie wollen die seltenen Stücke ja mitschneiden.“ Er spielt aber auch Aktuelles, etwa von „The Greyhounds“ aus Friedrichstadt. Zum 1. Advent wird er seine 200. Sendung fertig haben.

Bevor Muesfeldt nach Silberstedt kam, arbeitete er fast 30 Jahre lang im Rathaus in Leck, wo er geboren wurde und aufwuchs. In dem Haus, das er dann 2008 mit seiner Frau in Silberstedt baute, türmen sich nun die Platten und CDs. „Platz für ein Aufnahmestudio wäre hier sowieso nicht mehr“, sagt er schmunzelnd. „Das ist zwar unromantisch, aber das ist heute nun mal so.“ Geld bekommt er für die Sendungen nicht. „Mir ist es einfach wichtig, die Leute zu erfreuen und diese tolle Musik am Leben zu erhalten.“

 

„Teen Beat – damals“ gibt es sonntags, 15-16 Uhr, auf Kiel FM (101,2), dienstags, 15.05-16 Uhr, über OK Lübeck (98,8), mittwochs, 16-17 Uhr, auf Westküste FM (105,2 Heide, 98,8 Husum) sowie als Livestream über die Websites der Offenen Kanäle; Mail-Kontakt: teenbeat(at)web.de.


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